Montag, 5. November 2007

Das Achtstundenrennen von Fukui

Den letzten Sonntag habe ich mit einer kleinen Bustour verbracht. Es sollte so eine Art Ausbildung für angehende Reiseführer werden. Wir wurden innerhalb von acht Stunden durch drei Sehenswürdigkeiten gejagt. Zuerst ging es zum Schloss von Maruoka. Es war recht gemütlich. Ich weiß nicht, ob es eine Norm gibt für die Größe ab der sich eine Behausung Schloss oder Burg nennen darf, es war aber sehr hübsch anzusehen. Hoch auf einem Berg umgeben von einem wunderschönen Garten mit vielen Koi-Karpfen. Das Ding war nur, dass mein Reiseführer besoffen war. Als er dann versuchte die steilen Schlosstreppen herunterzugehen forderte der Alkohol seinen Tribut an die Körpermotorik. Er hat es aber überlebt. Danach ging es dann fix (wirklich fix) nach Tojinbo, wo uns ein paar wunderschöne Felsen erwarteten. Das Meer war tiefblau und die frische Brise wehte uns um die Nase.

Davon verlockt, ging ich ein paar Meter näher heran, als auf einmal eine der Reiseleiterinnen kam und mich freundlich mit folgenden Worten anfauchte:“規則を守る(kisoku wo mamoru)“. Das wiederholte sie mehrmals, als hätte sie ein kleines Kind vor sich. Die Bedeutung dieser Worte ist, dass ich die Regeln einhalten oder wörtlicher gesagt, bewahren soll. Als Wörterbucheintrag könnte folgendes dienen:

規則を守る(die Regeln bewahren) – Aufgabe des Nachgehens jeglicher individueller Interessen bei Gruppenveranstaltungen. Mit anderen Worten: Tim darf nicht an den Strand von Tojimbo und sich ein bisschen umsehen, weil für diese wundervolle Ausflugsstation nur eine Stunde eingeplant war, die von einer einstündigen Bootstour bis auf ein, zwei Minuten komplett ausgefüllt wurde.

Aber was beschwere ich mich. Es war umsonst. Also huschten wir wieder in den Bus und fuhren zum Mittagessen. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl etwas wirklich Japanisches zu essen. Auch die Art des Servierens und bei Tisch Sitzens war sehr japanisch. Auf Tatami-Matten an einem niedrigen Tisch sitzend in einem traditionell japanisch eingerichteten Raum. Das Essen bestand größtenteils aus Gemüse und Meeresfrüchten. Auch wenn ich keine Krabben mit langen Fühlern auf meinem Teller schätze, habe ich es gegessen und gemocht. Anschließend fuhren wir nach Echizen, welches für sein spezielles, traditionell hergestelltes Papier bekannt ist. Wir bekamen sogar die Möglichkeit selber welches herzustellen. Ist auch gar nicht so schwierig, das Endergebnis aber umso schöner. In Echizen hatte ich das erste Mal am Tage das Gefühl, nicht gescheucht zu werden. Wir hatten unsere Gruppeneinordnung mal sein lassen und gingen in unserer üblichen Clique. Im Papiermuseum kam dann allerdings nach zehn Minuten wieder eine Reiseleiterin angerannt und trieb uns mit einer verbalen Peitsche ins Freie. Es ist ja nicht so, dass ich vorhatte im Museum zu überwintern, aber was wäre, wenn wirklich mal jemand bei dieser Veranstaltung Lust hätte, sich die ganzen Tafeln durchzulesen? Im Nachhinein fand ich es toll die Präfektur mal näher kennen zu lernen, aber ich kann nun kaum behaupten, die Reiseziele wirklich zu kennen. Da muss ich wohl noch mal auf eigene Faust hin…


Zuletzt noch eine kleine Ode an die Schadenfreude. Nach der Bootstour in Tojinbo wehte der Meereswind, meiner Stimmung entgegenkommend, den Hut einer der Reiseleiterinnen ins Meer. Sie hätte ihn aber so oder so zurückbekommen. Lieber als die Rettung mittels Kescher wäre mir gewesen, wenn der Hut langsam ans Ufer getrieben, mir die Gelegenheit gegeben hätte, mich an den Strand zu legen.



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